Zum Geburtstag von Alexander von Bernus am 6.2.2003

Beim Wiederlesen der Früh-Gedichte
(nach mehr als fünfzig Jahren)

Mehr als ein halb Jahrhundert-
Wer war es, der das sprach?
Ich steh und zähl verwundert
Die Zahl der Jahre nach.
Hab ich das selbst geschrieben?
Unfaßbar vor wie lang,
Von Lust und Schmerz getrieben -
War das mein eigner Klang?

So viel gelebtes Leben!
So viel erlittner Tod!
Und immer hingegeben
Dem Früh- und Abendrot;
Und immer an die Mauer
Der Einsamkeit gelehnt;
Und nichts, was war, von Dauer -
Wie hat man sich versehnt!

Wie hat man sich verloren
In jeder Nacht des Glücks,
So süß unausgegoren -
Doch immer hinterrücks
Da lauerten Gespenster
Und raunten: "Das bist Du!"
Wir schlossen unsre Fenster
Vor uns selbst schauernd zu.

Und all das ist gewesen,
Und mußte wohl so sein,
Wir lesen und wir lesen
Uns in uns selbst hinein;
Und lesen wieder schauernd
Uns aus uns selbst hinaus -
Streicht alles das nicht lauernd
Noch heut um unser Haus?


Alexander von Bernus
In: Aus Welt und Überwelt. Dornach 1994, S. 45.

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